Vergeltung

Hogai rannte zur Karawane zurück. Er handelte aus reinem Instinkt und wollte nicht über das Geschehene nachdenken. Er musste die Karawane und das nahe Dorf vor dem Oni warnen.

Als er die Karawane erreichte, rief er in die frühe Nacht hinein: “Ukyo ist tot, Hideo hat uns verraten, ein Oni wurde beschworen”. Er schnappte nach Luft und konnte nicht weitersprechen. Korin kam aus seinem Zelt gelaufen und schaute ihn fragend an. Hogai konnte ihn nur mit einer Mischung aus Entsetzen und Entschlossenheit anschauen, während er nach Luft rang. Er sah die Kampfspuren an Hogai und wusste, dass dieser die Wahrheit sagte.

Korin nickte ihm traurig zu und rief zur Karawane: “Brecht das Lager ab, wir versuchen das Kranichdorf zu warnen!”. Die Krabben schienen wie immer auf alles gefasst zu sein. Sie waren binnen kürzester Zeit aufgebrochen Richtung Nordosten.

Namiko und der Oni waren zu spät und fanden nur noch die Überreste des Lagers. Auch hier richtete der Oni sinnlose Zerstörung an. Wie schon bei dem toten Krabben und den Maho-Tsukai kostete sie das aber wertvolle Zeit. Schlussendlich folgten sie den Spuren der Karawane.

Hogai und die Karawane kamen gegen Mitternacht in dem Kranichdorf an. Sie machten so viel Lärm, dass der Dorfvorsteher, Doji Haru, sie schon mit sorgsamer Miene empfing. Er war kurz irritiert, dass er eine Karawane der Krabben in Begleitung eines Kranich Samurai sah, konnte sich aber dann erinnern, dass vor einigen Monaten ein Kranich Samurai bei ihnen im Dorf Halt gemacht hatte, auf dem Weg zu den Krabben.

Hogai schritt auf den Magistrat zu und nickte höflich: “Seid gegrüßt, mein Name ist Daidoji Hogai, wir kommen leider mit entsetzlichen Neuigkeiten. Vor ein paar Stunden wurde ein Oni in der Nähe beschworen und dieser wütet jetzt durch die Lande. Ihr müsst das Dorf evakuieren und tiefer in die Kranichlande ziehen!”

Haru war kurz versucht zu lachen, denn er hielt das für einen Scherz. Aber Hogai blickte ihn durchdringend an.

Haru wurde sichtlich nervös. “Verzeiht mir, Hogai-san, aber wir haben hier noch nie einen Oni gesehen. Sicher müsst ihr euch täuschen …”

“Täuschen? Wie soll ich mich bei solch einem Thema täuschen? Zweifelt ihr meine Worte an?” Hogai wollte nicht so wirsch sein, aber die Anstrengungen der letzten Stunden holten ihn langsam ein. Sein Freund, Hiruma Ukyo, war tot. Getötet von einem Schrecken, einem Oni, der nun drohte durch die Ländereien seines Klans, seiner Heimat, zu wüten.

“Nein, nein, natürlich nicht. Aber ihr verlangt von mir, dass ich das Dorf evakuiere und gebt mir als Grund etwas an, was schwierig nachzuvollziehen ist. So eine Gefahr wurde hier noch nie gesehen.” Haru war unsicher, wie er mit der Situation umgehen sollte. War das nur ein ausgeklügelter Trick, um die Bewohner des Dorfes zu vertreiben, so dass diese Karawane dann die wenigen Habseligkeiten der Bewohner ungestört plündern konnten?

Hogai war außer sich vor Wut. Aber er musste sich beherrschen, er musste einen Weg finden, den Dorfvorsteher zu überzeugen.

“Was kann ich tun, um euch zu überzeugen?” brachte er zwischen zusammengepressten Zähnen hervor.

“Hm, da bin ich unsicher. Wollen wir darüber nicht am nächsten Morgen sprechen? Ihr könnt derweil unsere Gastfreundschaft in Anspruch nehmen.”

“Morgen wird es zu spät sein! Wir wissen nicht, wie weit der Oni hinter uns war. Er kann jeden Augenblick ankommen, Zeit ist ein wichtiger Faktor!”

Doch noch bevor Hogai etwas erwidern konnte, hörten sie einen infernalischen Schrei aus der Ferne. Beiden gefror das Blut in den Adern und Haru blickte sich um.

“Es ist zu spät.” flüsterte Hogai. Haru begriff zu spät, dass der Samurai ihn nicht hatte täuschen wollen. Er verneigte sich so tief vor ihm, wie er sich noch nie zuvor verneigt hatte. Er rief einen der Dorfbewohner zu sich und sagte ihm, dass er die Glocke schlagen solle, damit die anderen das Dorf evakuieren könnten. Zu Hogai sagte er: “Ganz in der Nähe ist eine Gruppe Daidoji Samurai auf Patrouille, ich kann euch zu ihnen führen.”

Diese Worte weckten ein kleines bisschen Hoffnung in Hogai. Eine Gruppe Samurai müsste in der Lage sein, den Oni aufzuhalten. Sie hatten nicht genug Zeit, eine kleine Armee zu suchen, daher war das ihre beste Option. Er antwortete: “Versammelt erst alle Dorfbewohner, dann machen wir uns auf den Weg zu den Daidoji.”

Der Oni war inzwischen angekommen und fing mit seiner Verwüstung an. Die meisten Dorfbewohner konnten vor der wütenden Gewalt des Onis fliehen, aber ihr Dorf wurde vollständig vernichtet. Nicht für jeden kam die Warnung schnell genug. Der Magistrat Doji Haru würde sich bis ans Ende seiner Tage schämen, nicht früher auf Hogai gehört zu haben. Etwa ein Fünftel der Bauern, darunter auch Frauen und Kinder, fielen dem Oni zum Opfer. Die Gebäude konnten sie neu errichten, aber ihre Freunde waren für immer verloren.

Der Rest des Dorfes konnte fliehen, denn auch hier konnte der Oni nicht widerstehen, völlig in seiner Gewalt aufzugehen und alles andere um ihn herum zu ignorieren.

Haru führte Hogai wie versprochen zu dem Lager der Daidoji Samurai. Es waren sechs Krieger, die hier patrouillierten, alle waren für einen Kampf vorbereitet. Hogai sprach den Anführer, Daidoji Tomeo, direkt an.

“Seid gegrüßt, Brüder. Ich bin Daidoji Hogai, ich begleite eine Krabben Karawane, die zum Handeln in die Kranich Lande gekommen ist.” Hogai und Tomeo verbeugten sich der Tradition entsprechend.

“Seid gegrüßt, Hogai. Was führt euch zu uns?”

“Ein schlimmes Schicksal. Auf dem Weg hierher haben wir eine Gruppe Maho-Tsukai entdeckt, die einen Oni beschworen haben. Wir konnten die verdammten Magier besiegen, aber ihr Ritual wurde noch zu Ende gebracht. Der Magistrat Haru hier kann dies bestätigen, sein Dorf wurde verwüstet, viele Bewohner sind gestorben.”

Verwirrung und große Besorgnis waren in den Gesichtern der Krieger zu erkennen.

“Ein Oni? Es ist lange her, dass so ein Wesen unsere Ländereien heimgesucht hat. Aber was können wir da schon tun?” sagte Tomeo. Er wirkte nicht ängstlich, aber er schien seine Männer auch nicht einfach so in den sicheren Tod schicken zu wollen.

“Wir sind Samurai! Wir müssen den Oni zur Strecke bringen. Wenn wir warten, bis wir mehr Krieger versammelt haben, werden dem Oni noch viele weitere Dörfer und Bauern zum Opfer fallen. Ich war bei den Krabben, um von ihnen zu lernen. Ich habe dort eine tiefe Freundschaft zu einem Hiruma Kundschafter aufgebaut, sein Name war Hiruma Ukyo. Er hat sich dem Oni gestellt, damit die Karawane entkommen konnte. Er hat sein Leben für uns gegeben. Ich bin bereit, mein Leben für den Kranich Klan zu geben. Ich verlange nicht mehr von euch, als dass wir gemeinsam unsere Pflicht erfüllen! Wir sind Daidoji! Wir sind Kraniche aus Eisen! Wir sind die Beschützer dieser Lande. Werdet ihr an meiner Seite kämpfen?”

Alle Samurai waren bei seinen Worten aufgesprungen und riefen im Chorus “HAI!”.

Hogai hatte die Krieger auf seine Seite gezogen. Tomeo nahm ihn an die Seite: “Du solltest dich ausruhen. Es macht keinen Sinn, heute Nacht los zu ziehen, der Oni wäre nur im Vorteil. Morgen beim ersten Licht brechen wir auf und machen uns auf die Jagd.”

Hogai merkte erst dann, wie müde er eigentlich war. Tomeo hatte Recht, jetzt würde er sie in ihren sicheren Tod führen. Sein Herz war schwer, aber es war die richtige Entscheidung.

“Du hast recht, morgen früh ist der richtige Zeitpunkt.”

“Hast du einen Plan? Das Feuer in deinem Herzen hat uns überzeugt, aber alleine wird es nicht ausreichen, um den Oni zu besiegen.”

Hogai musste kurz überlegen. Er hatte sich einen wagen Plan zurecht gelegt.

“Wir nutzen unsere Yari, um den Oni auf Abstand zu halten. Wir nutzen jeden Trick, egal wie unehrenhaft er sein mag, und werden ihn so besiegen können. Ich bin mir unsicher, ob wir ihn in einen Hinterhalt locken können, aber wir sollten es versuchen.”

“Unsere Yari sind nicht magisch oder gesegnet. Werden sie dem Oni etwas anhaben können?” Tomeo klang besorgt, als wenn ihm diese Tatsache eben erst eingefallen war.

“Ja, wir haben den Oni bluten sehen. Es ist ein mächtiges und böses Wesen, aber nicht unverwundbar.” Tomeo nickte zuversichtlich.

Hogai legte sich zum Schlafen hin. Seine Nachtruhe war erfüllt von Alpträumen, aber er konnte sich gut genug erholen. Es musste reichen.

Am nächsten Morgen brachen die Samurai sehr früh auf. Es war nicht schwer, die Fährte des Oni aufzunehmen. Er hatte eine offensichtliche Spur der Verwüstung hinterlassen, der sie folgen konnten. Hogai tat es in der Seele weh zu sehen, welche Verwüstung solch eine Kreatur in seine Heimatlande bringen konnte. Der Oni schien sich nicht damit abzufinden, Menschen zu töten, er musste scheinbar auch die schöne Natur entstellen. Umgerissene Bäume, zerschmetterte  Sträucher und verwüstete Reisfelder zeigten ihnen den Weg zum Ursprung des Übels.

Doch leider blieb es nicht bei dieser Art von Verwüstung. Auch zerfetzte Tiere konnten sie entdecken und ab und an ein einsamer Wanderer, der ein brutales Ende erlitten hatte.

Tomeo gesellte sich zu Hogai und warnte ihn: “eine Stunde weiter gen Nordosten ist ein sehr kleines Dorf, kaum mehr als eine Ansammlung von ein paar Häusern. Wir sollten eilig voran schreiten und zusehen, dass wir die Bewohner warnen können.” Hogai nickte grimmig und sie beschleunigten ihre Schritte.

Doch jede Hilfe kam zu spät. Sie konnten nicht mal mehr erkennen, wie viele Häuser es mal waren, alles war vollkommen zerstört. Die Bewohner lagen verstreut in den Ruinen, unfassbare Schrecken auf ihren Gesichtern gebannt. Hogai erkannte auch einen Körper einer Frau, der wohl gehäutet sein musste. Kamiko war also immer noch bei dem Oni und hatte sich eine neue Hülle besorgt. Auch dafür würde sie bezahlen, schwor sich Hogai.

Hogai wandte sich an die Daidoji Samurai: “Diese Vernichtung muss ein Ende finden! Einige Spuren sind sehr frisch hier, das Biest kann also noch nicht lange wieder weg sein. Die Kreatur der Schattenlande, die das Ritual vollendet hat, ist auch bei ihr. Sie ist jetzt getarnt in der Haut dieser Frau dort. Habt also Acht!” Die Samurai schauten sich grimmig um, Entschlossenheit machte sich in ihren Augen breit. Sie würden den Oni und seine Meisterin finden und dem ganzen ein Ende machen.

Sie fanden ihr Ziel schlussendlich auf einer Ebene. Das frische Gras war an den Stellen, wo der Oni hingetreten war, tot und schwarz. Ein paar Bäume waren dem blinden Zorn der Kreatur zum Opfer gefallen und lagen zersplittert über die Ebene verteilt. Wenn die Samurai noch einen weiteren Beweis für das Böse der Kreatur gebraucht hätten, sie hätten ihn dort gefunden.

Sie hatten alle ihre Yari kampfbereit gemacht, nur Hogai hatte sein Katana gezogen. Er rief laut: “Namiko! Dein Ende ist gekommen! Du wirst für all das Leid, das du angerichtet hast, bezahlen! Auch deine Kreatur wird gerichtet!”

Namiko, die in der Haut einer schönen jungen Frau war, fuhr zu ihm herum und antwortete: “Der kleine Kranich. Gekommen, um das Schicksal deines Freundes zu teilen?” Sie lachte schallend. Hogai wandte sich an die Daidoji: “Die Worte dieser Kreatur sind pures Gift. Verschließt eure Ohren und eure Herzen und wir werden siegen!” Die Daidoji nickten grimmig und gingen zum Angriff über.

Die Samurai verteilten sich in einer sichelmondförmigen Formation und gingen auf den Oni zu. Dieser brüllte in Erwartung des Kampfes auf und stürmte auf sie zu. Den ersten Hieb des Onis konnte Hogai mit seinem Katana abwehren. Genau in diesem Augenblick stießen zwei der Daidoji mit den Yaris zu und verwundeten den Oni an der Seite. Dieser brüllte kurz auf und drehte sich zu ihnen um. Zwei weitere Samurai, die nun dem Rücken des Monsters zugewandt waren, konnten zwei weitere Wunden schlagen. Ihre Waffen konnten den Oni verletzen, aber die Wunden waren nicht tief, die Haut ihres Gegners war zu zäh und widerstandsfähig.

Der Oni schwing seine Klauen in einem Bogen, um alle Gegner auf Distanz zu halten. Der äußerste Krieger wollte die Chance nutzen, und während des Schwungs einen Angriff platzieren. Doch der Oni hatte darauf gewartet und reagierte blitzschnell. Er packte den Yari und riss die Waffe und den Samurai zu sich. Mit einem mächtigen Biss riss er ein großes Stück Fleisch aus der Schulter seines Gegners. Dieser ging zu Boden und der Oni vollendete sein Werk mit einem mächtigen Hieb. Ein abgerissener Kopf fiel vor die Füße seiner Kameraden.

Die Daidoji rückten ihre Formation zurecht, um den Verlust zu kompensieren, und griffen weiter an. Sie konnten dem Oni mehrere Wunden schlagen und ihn zurückdrängen. Namiko konnte sehen, wie die Krieger Stück für Stück ihren Oni besiegten.

Der Oni schien in eine Form der Raserei zu verfallen. Er brüllte laut auf, seine Augen begannen rot zu glühen. Mit einem Satz war er zu Tomeo gesprungen und riss ihn mit übernatürlicher Stärke entzwei. Die Samurai waren schockiert, aber Hogai holte sie wieder zurück in den Kampf: “Seine Verteidigung ist offen, schlagt zu!”.

Alle vier Daidoji spießten den Oni förmlich mit ihren Yari auf, zogen sich aber blitzschnell wieder zurück, bevor dieser einen Gegenangriff starten konnte. Hogai war sich nun sicher, dass sie diesen Kampf gewinnen würden!

Namiko war außer sich vor Zorn. Auch sie konnte erkennen, wie es um den Kampf beschaffen war. Sie brüllte ihren Oni an: “Was tust du? Vernichte alles und jeden! Niemand soll verschont werden!”.

Der Oni hielt inne und grinste hinterhältig. Die Daidoji waren irritiert und wichen einen halben Schritt zurück. Der Oni, der vorher noch schwerfällig zu sein schien ob seiner vielen Wunden, drehte sich plötzlich blitzschnell um und sprintete auf Namiko zu. Diese starrte ihn aus vor Schreck weit aufgerissenen Augen an. Sie wollte gerade ansetzen etwas zu sagen, als der Oni sie mit seinen beiden mächtigen Armen auseinander riss. Ihre letzten Worte gingen in einem Gurgeln unter und das Monster, das Hogai unter dem Namen Namiko kannte, war tot. Der Oni brüllte triumphierend auf, schnappte sich den Leichnam Namikos und löste sich auf.

Die Krieger atmeten schwer, waren aber sichtlich erleichtert, dass dieser Kampf ein Ende gefunden hatte. Hogai drehte sich zu ihnen um und sagte: “Die Mächte der Schattenlande sind stark, aber ihr Hass reicht auch aus, um sich gegenseitig zu besiegen. Dieser Oni mochte es wohl nicht, einen Meister zu besitzen.” Er machte eine kleine Pause und lächelte ironisch.

“Aber das Monster ist besiegt, mein Freund ist gerächt. Lasst uns unsere gefallenen Brüder verbrennen, bevor etwas unheiliges mit ihnen passiert. Habt Dank für eure Unterstützung! Wann immer einer von euch meine Hilfe benötigen sollte, ich werde da sein!”

Tage später konnten Korin und Hogai die Mission erfolgreich zu Ende führen. Die Krabben bekamen mehr Nahrung, damit sie weiter kämpfen konnten. Der Angriff des Oni hatte doch die von Hideo vorhergesagte Wirkung. Aber Hogai kehrte nicht mit der Karawane wieder zurück, seine Zeit bei den Krabben war zu einem Ende gekommen. Er kämpfte Seite an Seite mit den anderen Daidoji Samurai, um seinen Klan vor Feinden zu schützen. Seine Erfahrungen, die er bei den Krabben machte, hatten ihn gut vorbereitet.