Loyalität

Togashi Momoru schritt durch Kyuden Togashi auf der Suche nach Etsuko. Er wollte sie heute unterrichten. Es war bereits mittags, und beide sollten ihre normalen Aufgaben an diesem Tag erfüllt haben und wären damit für ein längeres Training frei.

Momoru wurde von vielen Bewohnern auf seinem Weg gegrüßt und freundlich empfangen. Er war bekannt für seine wohlwollende und aufrichtige Art. Auf die ein oder andere Weise hatte er schon jedem hier geholfen. Er wirkte mit seinen zurückhaltenden Roben in Grün, die sehr gut zu seinen strahlenden, grünen Augen passten, nicht wie jemand, dem man viel Respekt entgegen bringen würde. In der Welt da draußen hätte man ihn für einen Diener der Drachen halten können, nicht für den großen Sensei, der er tatsächlich war.

Er konnte Etsuko schließlich in der Bibliothek finden. Sie war noch sehr jung und wirkte manchmal fast kindhaft. Ihre braunen Augen strahlten noch mit der Kraft der Jugend, aber es lag auch ein leichter Schatten über ihnen. Auch sie war in grüne Roben gewandet, aber das Drachen-Mon war deutlich größer als auf der Kleidung von Momoru. Und ein kleines Shiba Mon wies darauf hin, wo sie vor fünf Jahren hergekommen war.

Als er sich ihr näherte, blickte sie auf und lächelte ihn an. “Seid gegrüßt, Momoru-sama”, sagte sie und verneigte sich. “Hallo Etsuko-san, heute wäre doch ein guter Tag zum Trainieren, oder?”

Sie rollte die Schriftrolle, die sie studiert hatte, zusammen und nickte ihm zu.

“Dann lass uns hinaus in die Berge gehen, wir können dort trainieren und über deine Fortschritte sprechen”. Etsuko hatte natürlich ihre Gempuku Prüfung längst hinter sich gebracht, war aber mehrmals auf Momoru zugekommen, weil sie von ihm lernen wollte. Dieser hatte sie aber immer wieder vertrösten müssen, weil er mit anderen Dingen beschäftigt war. Heute aber hatte er sich an sie erinnert und sich die Zeit genommen. Er trainierte mit vielen Mönchen und musste seine Zeit oft gut einteilen.

Auf dem Weg zu ihrem Trainingsort unterhielten sich die beiden über Etsukos aktuelle Aufgaben. Sie war gerade zum Kochen eingeteilt und erzählte ihm, dass es ihr viel Spaß bereitete, für andere Speisen zuzubereiten.

In einem etwas abseits gelegenen Bereich in den Bergen angekommen, fingen sie mit dem Training an. Dort waren sie ungestört und konnten sich ganz auf ihre Übungen konzentrieren. Sie fingen mit einfachen Katas an, die Momoru leitete und Etsuko folgte seinem Beispiel.

Zumindest versuchte sie es, aber je schwieriger die Katas wurden, desto öfter kam sie aus dem Gleichgewicht. Ihre Gedanken waren zu weit weg und ihr fehlte die nötige Konzentration. Es wurde noch schlimmer, da sie sich Sorgen machte, von Momoru gescholten zu werden, so dass sie nicht nur aufgewühlt und unkonzentriert war, sondern auch noch verunsichert.

Als Momoru inne hielt, wurde Etsuko vor Scham rot im Gesicht und sie bereitete sich innerlich auf eine Zurechtweisung vor.

“Etsuko, etwas bewegt dich, dein Chi ist wild und du bist unkonzentriert. Lass uns eine Pause einlegen und du kannst mir erzählen, was dich beschäftigt.”

Sie war erleichtert, aber auch ein wenig überrascht. “Gerne.” antwortete sie und gesellte sich zu Momoru, der sich auf einen Felsen gesetzt hatte. Sie wusste nicht so recht, wie sie anfangen sollte, aber Momoru nickte ihr aufmunternd zu.

“In letzter Zeit frage ich mich, ob ich den Phönix-Klan wirklich hinter mich gelassen habe. Und ich fürchte, dass sich das andere Mitglieder des Drachen-Klans auch fragen.” Die Worte brachen förmlich aus ihr heraus. Es tat gut, mit jemandem darüber sprechen zu können.

Sie war nicht immer ein Drache gewesen. Vor fünf Jahren war sie in die Drachenlande gekommen, ein einsames Phönix Mädchen, das beschlossen hatte, ein Drache zu werden.

Sie wurde wie alle Reisenden aufgenommen. Sie hatte ein Schreiben ihrer Eltern dabei, die damit einverstanden waren, dass ihre Tochter bei den Drachen aufwachsen würde, wenn sie sie denn aufnehmen würden. Dieser Wunsch wurde ihr nach Gesprächen mit verschiedenen Sensei des Klans gewährt.

Momoru musste über diese Aussage nachdenken. Er neigte seinen Kopf leicht zur Seite und stellte seine erste Frage: “Was ist Dir wichtiger, was andere denken oder was Du denkst?”

Etsuko musste leise lachen: “Ich bin erst 17 Jahre alt, aber selbst ich habe gelernt, dass die Meinung anderer in Rokugan sehr wichtig ist. Oft sogar wichtiger als die eigene.”

Momoru schmunzelte in sich hinein, manchmal war er einfach zu sehr mit den Drachen beschäftigt und vergaß, wie der Rest der Welt funktionierte. Er nickte ihr zu: “Nur beantwortet das die Frage nicht. Aber gut, Du musst ja auch jetzt keine Antwort haben. Dann versuchen wir es mit einer Frage, der man nicht einfach ausweichen kann: was willst Du mit Deinem Leben anstellen?”

Sie runzelte die Stirn: “Das ist eine sehr offene und weitreichende Frage. Was hat das damit zu tun, ob ich oder andere mich als Drachen oder als Phönix wahrnehmen?”

“Ein Drache und ein Phönix haben viel gemein, aber an der ein oder anderen Stelle ergeben sich dann doch klare Abgrenzungen.”

“Ich will meinem Daimyo nach bestem Wissen dienen und nach Weisheit streben. Ich will den Leuten des smaragdgrünen Reiches helfen, wenn sie in Not sind.”

“Eine Antwort, die in der Tat auf beide zutreffen könnte. Vielleicht erzählst Du mir, warum Du hergekommen bist. Ich weiß, wie ich Dich sehe, aber ich möchte in Erfahrung bringen, wie Du Dich siehst.”

Sie hielt inne. Sie hatte noch niemandem ihren Traum wirklich anvertraut. Einzig Togashi Yokuni hatte sie damals angeschaut und ihr zugenickt, als wüsste er, wovon sie immer wieder geträumt hatte.

“Mich hat ein immer wiederkehrender Traum bewogen, herzukommen. Meine Eltern wollten mich anfangs nicht gehen lassen, aber sie konnten damals schon spüren, dass der Drang hierher zu kommen nicht nur eine Phase meiner Jugend war.”

“Als dann noch ein Abgesandter Togashi Yokunis zu meinem damaligen Daimyo kam und darum bat, mich mit zu den Drachen nehmen zu dürfen, wusste ich, dass die Stunde meines Abschieds gekommen war.”

Momoru nickte ihr zu, fortzufahren.

“In diesem Traum bin ich immer von einem Meer von Flammen umgeben. Ich irre umher auf der Suche nach meinem Sensei. Immer wenn ich ihn von weitem sehen kann und mich auf ihn zu bewege, blockieren die Flammen meinen Weg. Wie eine Wand versperren sie mir mein Ziel oder wie ein Flügel, der sich schützend um meinen Meister legt.”

“Nach ein paar Versuchen gebe ich auf. Ich konzentriere mich stattdessen darauf, die Flammen zu ersticken. Nach einer Weile gelingt mir das auch und die lodernden Flammen werden von einem grünen Nebel vertrieben. Das ist der Augenblick, in dem ich eine andere Präsenz spüre. Ich schaue mich um, kann aber niemanden erkennen. Aus dem Augenwinkel sehe ich einen großen Schatten: einen Drache. Ich drehe mich langsam zu ihm um und er scheint mich fortführen zu wollen. Ich folge ihm und er bringt mich an einen wunderschönen Ort. Um mich herum ragen Berge in den Himmel. Bäume, in denen Vögel sitzen und zwitschern, in den Tälern. Zu meiner Linken plätschert ein Wasserfall.

In diesem Augenblick überkommt mich ein Gefühl von Geborgenheit und innerer Ruhe.” Sie hält kurz inne, in Gedanken schweift ihr Blick in die Ferne.

“Das war der Traum, den ich jede Nacht träumte, bis ich hierher gekommen bin.”

Momoru hält inne und denkt nach. Die Geschichte hat ihn sichtlich berührt. Etsuko ist sich nicht sicher, ob sie etwas sagen soll und wartet daher ab. Nach einer kurzen Zeit fragt Momoru: “Dein Traum ist eine schöne Geschichte. Aber warum bist Du zu uns gekommen? Was an dem Traum hat dich dazu bewegt, deine Eltern, deinen Klan, dein Leben hinter dich zu lassen und dem Abgesandten der Drachen zu folgen?”

Darüber musste sie nicht lange nachdenken, die Antwort auf diese Frage war in ihr Herz geschrieben: “Ein Traum kann nur dann real werden, wenn man ihm Glauben schenkt.”

Er schaut sie erst verwundert an und lacht dann schallend. Auf ihren fragenden Blick hin sagt er: “Du hast all deine Fragen schon lange beantwortet und niemand außer dir selber musste die Antworten hören.”