Gerechtigkeit

Momoru war tief in Gedanken versunken. Er wanderte durch die Drachenlande, auf dem Weg zu einem Treffen mit einem guten Freund. Es war Frühling, der Himmel war klar und die Luft rein. Seine Reise führte ihn durch bergige Landschaften, vorbei an frisch blühenden Wildblumen und an wieder ergrünten Bäumen.

Er war gerne unterwegs. Dabei konnte er seinen Gedanken nachgehen, er konnte die Natur um sich herum genießen und wurde nicht ständig abgelenkt. Sein Reiseziel lag am Rande der Drachenlande und so sehr er die Einfachheit und Schönheit der Natur auf seinem Weg genoss, so sehr mochte er aber auch die Kochkünste seines Freundes, der auf ihn wartete.

In der Ferne sah er aber etwas, was die Idylle des Moments zerstörte. Er konnte eine Gestalt auf dem Boden neben der Straße erkennen. Sie regte sich nicht, aber es war deutlich zu erkennen, dass es ein Mensch war. Er rannte auf die Szene zu. Es war ein Bauer, der am Wegesrand lag und offensichtlich schwer verletzt war. Seine Kleidung war an vielen Stellen gerissen und durchgeschnitten. Blut sammelte sich unter dem Körper und sickerte in den lockeren Boden.

Momoru beugte sich zu dem Bauern herunter, um zu sehen, wie schwer seine Verletzungen waren. Er erkannte typische Katana Wunden. Dieser Bauer musste in einem Kampf verwickelt gewesen sein.

“Hallo Freund, ich bin hier, um zu helfen. Wie ist dein Name? Was ist geschehen?” fragte Momoru in einem beruhigenden Ton.

Der Bauer blickte auf und musste sich sichtlich anstrengen, sich auf Momoru zu konzentrieren und atmete schwer, konnte aber antworten: “Mein Name ist Mito. Meine Freunde und ich sind von Banditen angegriffen worden.” Mito musste husten und nahm dafür die Hand vor den Mund. Als er sie wegnahm, war frisches Blut daran zu erkennen. Kein gutes Zeichen.

“Meine Freunde sind tot. Ich konnte entkommen, aber ich wurde schwer verletzt.” Momoru untersuchte den verwundeten Bauern, musste aber mit schwerem Herzen feststellen, dass es zu viele und zu tiefe Wunden waren. Jede Hilfe würde zu spät kommen, daher versuchte er dem Bauern die einzige Art der Hilfe anzubieten, die ihm übrig blieb und fragte: “Kannst du mir beschreiben, wie die Banditen aussahen? Ich werde mein bestes tun und sie ihrer gerechten Strafe zuzuführen.”

“Es waren vier Banditen, ihr Anführer hat viele Narben, vor allem eine auffällig gezackte an seinem linken Arm.” Wieder musste Mito husten und er schien mehr Lebensenergie dabei zu verlieren. Er antwortete unter großen Schmerzen: “Sie sind weiter Richtung Nordwesten gegangen, der Straße …”

Mehr konnte er nicht sagen, der Tod hatte ihn eingeholt. Momoru ließ den Bauern zu Boden sinken. Er war zwar ein Drache und sah die Welt mit anderen Augen, aber manche seiner alten Denkweisen hatte er nie ablegen können. Für ihn war es noch immer tabu, den Körper eines toten Menschen zu berühren.

Voll grimmiger Gedanken machte er sich auf den Weg gen Nordwesten. Sein Freund würde Verständnis für seine Verspätung haben. Er schwor sich, den Tod dieser unschuldigen Bauern nicht ungesühnt zu lassen. Später traf er auch auf die anderen Opfer der Banditen. Seine Entschlossenheit verfestigte sich.

Am späten Nachmittag kam er in einem kleinen Dorf an und würde sich umsehen. Wenn die Banditen nicht hier waren, würde er weiter marschieren, er konnte problemlos auf den Komfort eines Bettes verzichten, wenn er so noch ein paar Stunden Weg aufholen konnte. Das Dorf war ruhig, die meisten Bewohner gingen noch ihrem Tagewerk nach. Die Dorfbewohner, die er traf, grüßten ihn freundlich und er grüßte zurück. Er war schon ein paar Mal hier gewesen, daher kannte er sich gut aus.

Es gab ein kleines Wirtshaus, wo er sich ein wenig ausruhte und eine Mahlzeit zu sich nahm. Wenn die Banditen in dem Dorf waren, würden sie sehr wahrscheinlich auch hier sein.

Das Innere des Wirtshauses war schlicht eingerichtet. Es gab mehrere Tische, an denen man sich auf Tatami Matten hinknien konnte. Es waren mehrere Personen anwesend, meistens saßen Heimin verstreut an diesen Tischen. Dies mussten die Bewohner des Dorfes sein, Bauern und Handwerker. Es waren noch Ronin anwesend, eine Gruppe von vier Personen, die schon etwas angetrunken wirkte und eine einzelne Person an einem anderen Tisch.

Momoru erkannte die von Mito beschriebene gezackte Narbe an einem der Ronin aus der Gruppe. Während er eine Portion Reis mit Fisch aß, beobachtete er die Gruppe und studierte ihr Verhalten. Sie wirkten schroff und ungehobelt. Für einen so öffentlichen Raum waren sie sehr laut und lachten oft in einem rauen Ton. Als er gestärkt war, ging er zu ihnen hinüber.

“Seid gegrüßt Reisende. Ich bin Togashi Momoru. Ich komme aus dem Südosten und bin auf Wanderschaft.”

Der Mann mit der gezackten Narbe antwortete: “Ich bin Shaku. Dann geh weiter wandern, Mönch.” Seine Worte waren harsch und seine Gefährten lachten schallend.

Momoru lächelte: “Oh, nichts würde ich lieber tun als das. Aber ich habe so allerlei Seltsames auf meiner Wanderschaft gesehen. Ich dachte mir, ich könnte euch vielleicht dazu befragen, damit ich besser verstehe, was ich gesehen habe.”

Die Gruppe wurde sichtlich unruhiger. Manche von ihnen blickten sich in dem Raum um, als wenn sie prüfen würden, ob Momoru alleine war oder irgendwo Verstärkung lauerte. Shaku verengte verärgert die Augen bevor er antwortete: “Ich wüsste nicht, wie wir dir helfen könnten. Wir sind hier, um unsere hart verdienten Koku gegen Reiswein zu tauschen. Wir sind nicht hier, um einem dahergelaufenen Mönch die Welt zu erklären. Ist das nicht das, was ihr Mönche den ganzen Tag tut? Über den Sinn oder Unsinn von Dingen zu meditieren?”. Seine Freunde lachten wieder über den Scherz auf Momorus Kosten.

Momoru lächelte zurück: “Ja, manche Mönche machen das. Andere beschäftigen sich mit weltlichen Dingen, wie zum Beispiel Bauern in ihrer Not zu helfen.” Er beobachtete die Gruppe, um auch die kleinste Reaktion wahrnehmen zu können.

Shaku wurde unwirscher, in den Augen seiner Gefährten machte sich Ärger breit. Er war sich nur nicht sicher, wie sehr auch umstehende Dorfbewohner das sehen konnten. Eine Konfrontation würde diese nur in Gefahr bringen, daher hoffte er, dass sie entweder vorher schon gehen oder sich darauf vorbereiten würden, schnell zu fliehen.

“Was soll das denn heißen?” fragte Shaku und sprang auf. “Ist das irgendeine schlaue Form der Anschuldigung?”

“Anschuldigung?” antwortete Momoru übertrieben unschuldig und hob abwehrend die Arme. “Ich habe doch nur erklärt, was für eine Art von Mönch ich bin.”

Shaku blickte sich zu seinen Männern um. Mittlerweile hatten alle ihre Hand an ihre Waffen gelegt. Momoru bereitete sich auf einen Kampf vor, indem er versuchte, seine innere Aufruhr zu beruhigen. Gegen so viele Ronin musste er einen klaren Kopf bewahren. Er versuchte aber auch, seine Muskeln nicht sichtlich anzuspannen, er wollte die Banditen nicht vorzeitig alarmieren.

“Mir ist egal, was für eine Art Mönch du bist. Wenn du keinen Ärger haben willst, gehst du jetzt am besten weiter, egal ob du dann meditieren oder irgendwelchen Bauern helfen wirst.” Shaku wirkte sehr aufbrausend und temperamentvoll. Momoru hatte den Verdacht, er könnte früher ein Löwe gewesen sein.

“Ich bin nicht auf der Suche nach Ärger. Seht ihr, es ist nur so, dass ich auf meiner Reise einen Bauern namens Mito getroffen habe. Ich habe mich kurz mit ihm unterhalten können und möchte jetzt etwas für ihn tun.” Momoru versuchte, die Ronin aus der Reserve zu locken, wusste aber noch nicht genau, wie.

“Ja und, was hat das mit uns zu tun?” war Shakus Antwort, sein Gesicht war mittlerweile regelrecht zu einer Faust geballt.

“Er sprach von jemandem, den er auf seiner Reise getroffen hatte. Er beschrieb den Menschen und ihr passt sehr gut auf diese Beschreibung.” Momoru deutete auf die gezackte Narbe an Shakus Arm.

Shaku schaute irritiert auf die Narbe, zu den anderen Ronin und dann wieder zu Momoru. Er fletschte seine Zähne und zog sein Katana. Die Ronin taten es ihm gleich. Er sprach sehr leise zu Momoru: “Schade, der eine Bauer war also doch weiter gekommen als gedacht. Du hättest dich besser um etwas anderes gekümmert, dummer Mönch!”

Momoru schaute sich besorgt um, keiner der anwesenden Dorfbewohner schien damit gerechnet zu haben. Nachdem die Banditen ihre Waffen gezogen hatten, waren viele aufgestanden und bewegten sich zum Ausgang, aber das Gasthaus war so klein, dass nicht alle auf einmal fliehen konnten.

Shaku befahl einem der Ronin, anzugreifen. Dieser stürmte mit erhobenem Katana auf Momoru zu und versuchte, ihn mit einem mächtigen Schlag zu zerteilen. Momoru wich ihm geschickt aus und verpasste ihm einen Stoß, so dass der Ronin aus dem Gleichgewicht kam und in eine Ecke des Raumes strauchelte, die menschenleer war. Die anderen beiden Ronin schauten sich kurz an und gingen gleichzeitig auf ihn los. Auch ihren Schlägen konnte Momoru leicht ausweichen. Er kämpfte sehr defensiv, denn noch immer waren Dorfbewohner anwesend. Er versuchte, die Banditen auf die Straße zu bringen, er würde im Zweifel eine der dünnen Shoji Wände zertrümmern, um nicht den Hauptausgang zu nehmen, durch den die anderen gerade flohen.

Shaku brüllte auf und griff an. Er schwang sein Katana in einem weiten Bogen und Momoru musste sich unter dem Hieb wegrollen. Er wollte den Schwung seines Angriffs nutzen und einen zweiten Bogen schlagen, war aber zu betrunken, um diesen zweiten Schlag zielsicher auszuführen. Er schlug zu weit nach rechts aus und erwischte dabei einen der anwesenden Handwerker. Momoru sah dies und konzentrierte sich kurz auf das Opfer. Er streckte seinen linken Arm aus, auf dem sich ein Tattoo einer Pfeilwurz-Pflanze bis zu seinem Rücken schlängelte, das jetzt zu pulsieren schien. Die Wunde des Handwerkers schloss sich sofort, dafür fing das Tattoo an zu bluten. Momoru keuchte auf, als der Schmerz ihn traf.

Shaku war zuerst verdutzt und blinzelte. Er schaute zwischen Momoru und dem Handwerker hin und her, bis er verstand und seine Augen boshaft funkelten. Der Handwerker war aufgestanden und wollte wegrennen, doch Shaku wollte die Schwäche des Mönches ausnutzen. Er erhob das Katana und wollte wieder einen Unschuldigen angreifen.

Momoru ließ es aber dazu nicht kommen. Als er das Funkeln in Shakus Augen sah, sprang er auf und sprintete auf den Banditen zu. Noch bevor der Schlag ausgeführt werden konnte, verpasste er ihm einen Tritt in die Magengegend. Dies reichte aus, um den Ronin kurz orientierungslos nach hinten straucheln zu lassen. Momoru rammte Shaku durch eine der Shoji Wände und sie landeten draußen. Es war dunkel geworden, aber der Mondschein brachte genug Helligkeit.

Die anderen Banditen waren irritiert, wollten aber ihrem Anführer helfen und sprangen ebenfalls durch die Wand nach draußen. Doch Momoru hatte damit gerechnet. Die Augen des Drachentattoos auf seiner Brust fingen an, zu flackern und aus seinem Mund spie er ihnen einen Feuerodem entgegen. Er erwischte alle drei von ihnen.

Die drei Ronin gingen bewusstlos zu Boden, das Feuer hatte zwar Spuren hinterlassen, aber ihre Kleidung war nicht entflammt. Momoru drehte sich zu Shaku um, kleine Flammen züngelten noch an seinen Mundwinkeln. Seine Augen brannten mit einer Intensität, die dem Feuer in nichts nachstand.

Shaku warf sein Katana weg und winselte: “Ich ergebe mich. Tötet mich nicht, ich gebe auf!”

Momoru blickte ihn finster an und antwortete: “Waren das die Worte, die auch die Bauern, die ihr niedergemacht habt, benutzt haben?”

Er ging einen Schritt auf ihn zu. Der Anführer der Banditen kauerte sich zusammen und wimmerte. Momoru rang mit sich. Gerechtigkeit oder Selbstjustiz? Er erinnerte sich an die Leichen der Bauern, die er auf seiner Wanderung gefunden hatte, an Mito, wie er in seinen Armen gestorben war. Der Drang nach Selbstjustiz war groß. Aber wenn er ihm nachgeben würde, wäre er keinen Deut besser als die Ronin.

Er regulierte seinen Atem, konzentrierte sich auf ihn, um wieder zu Sinnen zu kommen. Nach ein paar Atemzügen war er wieder Herr über sich selber und antwortete: “Es ist nicht meine Aufgabe, über euch alle zu richten. Wir werden den nächsten Kitsuki Magistrat aufsuchen und dieser wird über eure gerechte Strafe entscheiden. Aber die Tage, in denen ihr wehrlose Bauern ausgeraubt und ermordet habt, sind vorbei!”

Momoru fesselte die Ronin und sperrte sie in ein Zimmer im Dorf ein. Er schickte zwei Dorfbewohner, die wussten, wo sich ein Kistuki Magistrat aufhielt, los und bewachte die Gefangenen derweil. Er war froh, sich für Gerechtigkeit entschieden zu haben, auch wenn die Versuchung groß war, es nicht zu tun.