Das wahre Ich

Die Kaiu Mauer. “Ein trostloser Ort”, dachte sich Daidoji Hogai, während er wachsam auf der Mauer patrouillierte. Unter allen wachenden Samurai war er der auffälligste. Ein Kranich unter Krabben. Sein Äußeres war makellos, seine Rüstung sauber und gepflegt. Die weißen, fließenden Haare fielen offen über seine Schultern.

Und dennoch schien er von niemandem als fehl am Platz betrachtet zu werden. Noch vor fünf Monaten hätte ihn niemand in die Nähe der Mauer gelassen. Damals hatten alle über ihn gelacht, als er zu den Hiruma kam, um von ihnen zu lernen. „Das ist kein Ort für verwöhnte Gören“, hatte Hida Temoko damals gerufen. Heute grüßte er Hogai mit einem kurzen, respektvollem Nicken.

Doch noch war Hogai nicht in die Schattenlande gegangen und hatte sie überlebt. Das würde sich bald ändern. Hiruma Ukyo, mit dem er schnell Freundschaft geschlossen hatte, war vor ein paar Stunden auf ihn zugekommen. Sie würden im Morgengrauen aufbrechen und nach einer Gruppe Hida Samurai schauen, die von ihrer Tour nicht zurückgekehrt waren. Sie würden zu zweit losziehen, da sie so schneller und unauffälliger waren. Das war seine Chance, sich zu bewähren und die Fähigkeiten der Hiruma Kundschafter zu beobachten.

Er war nicht zur Wache eingeteilt, wollte aber noch einmal von hier oben auf die Schattenlande herabblicken. Das Land war natürlich nicht so schön wie die Landschaften der Kraniche, kein saftiges, lebendiges Grün weit und breit zu sehen, keine formvollendeten Gärten. Unter ihm breitete sich eine Landschaft aus, die man nur als trostlos bezeichnen kann. Das Grün der Büsche war zu blass, das Braun der Bäume wirkte krank. Aber bedrohlich wirkte es nicht.
Im Morgengrauen nutzten die beiden Gefährten einen geheimen Tunnel der Hiruma, um unter der Mauer hindurch in die Schattenlande zu gelangen. Hiruma Ukyo war ein typischer Vertreter seines Klans, auch wenn er nicht so groß wie andere war. Hogai hatte ihn in jeder Hinsicht als kantig kennengelernt und musste sich erst daran gewöhnen. Mehr als einmal hatte Ukyo etwas gesagt, was in den Kranich-Landen ein Duell auf Leben und Tod nach sich gezogen hätte, und hier nur Teil normaler Gespräche war.

Hogai umfasste unbewusst den Finger Jade, der um seinen Hals als Schutz vor der Verderbnis hing. Die mit Schriftzeichen versehene Oberfläche fühlte sich kalt an. Er hatte Geschichten gehört über Opfer der Verderbnis. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er eine ganze Kiste voll Jade mitgenommen.
Ukyo schritt voran, denn er hatte schon mehrere Exkursionen in die Schattenlande hinter sich gebracht. Die Gruppe der vier Hida Samurai war vor drei Nächten aufgebrochen, um eine kleine Horde marodierender Goblins zu stoppen. Als sie nicht zurückgekehrt waren, wollte man zwei Kundschafter losschicken, um nach ihnen zu schauen.

Hier unten wirkte die Landschaft nun viel bedrohlicher als gestern noch von der Mauer aus. Die Sonne stand zwar am Himmel, aber dicke graue Wolken ließen die Landschaft nicht nur trostlos erscheinen, sondern entzogen ihm regelrecht die Freude am Leben. Die Spaziergänge in den Gärten seines Dojos wirkten in diesem Moment wie ein lang verblasster Traum, an den er sich nur schwer erinnern konnte. Die Stille war erdrückend. Kein Leben schien hier zu existieren, aber er war sich nicht sicher, ob das nicht angesichts der Schrecken, die weiter südlich auf sie warteten, zu bevorzugen war.

Er blickte sich kurz zur Mauer um, die in der Ferne immer kleiner wurde. Damals hatte er ehrfürchtig die Mauer auf seinem Weg durch die Krabben-Lande bewundert. Von hier aus war nichts ehrfürchtiges zu erkennen. Die Mauer war durchzogen mit Flecken getrockneten Blutes unterschiedlicher Farben, Zeichen zahlreicher abgewehrter Angriffe nicht-menschlicher Wesen. Sie stand wie ein unüberwindbares Bollwerk. Dieser Gedanke machte ihm gleichzeitig Mut und Angst, denn er musste wieder zurückkehren.

Bisher verlief ihre Reise ereignislos. Gegen Mittag legten sie eine kleine Rast ein. Ukyo versuchte ihm zu erklären, wie er die Spuren besser erkennen konnte und woran er sah, welche Spuren von Krabbe-Samurai und welche von den untoten Wesen der Schattenlande stammten. Hogai hatte keinen Appetit. Die trostlose Umgebung schien ihn auszulaugen.

“Manche Stellen haben diesen Effekt auf Leute, die das erste Mal herkommen”, sagte Ukyo. “Man darf sich nicht davon beirren lassen und muss stoisch wie eine Krabbe weiter voranschreiten!”
Daraufhin grinste Hogai und auch der sonst so emotionslose Hiruma Kundschafter konnte sich ein Zucken der Mundwinkel nicht verkneifen. “Kein Wunder, dass die Bewohner der Schattenlande ins smaragdgrüne Reich wollen”, war alles, was Hogai dazu kommentieren wollte.

Er blickte sich genauer um. Die Landschaft hier hatte sich subtil verändert. Wo vorher das Grün einfach nur trostlos wirkte, schien es jetzt eine boshafte Ausstrahlung zu haben. Das Wort “unnatürlich” bekam hier eine ganz andere Bedeutung.

Sie zogen weiter nach Südwesten Den Spuren der Samurai folgten nun ganz deutlich viele kleine Spuren der Goblins. Nun hatte er eine Antwort auf seine unausgesprochene Frage vom Morgen. Ihm gefiel die Stille deutlich besser als die erratischen Geräusche, die in der Landschaft jetzt zu hören waren. Sehr oft blieb er abrupt stehen oder wirbelte sogar herum, weil er vermeintlich ein Geräusch hinter sich gehört hatte.

Es dämmerte und die beiden bereiteten sich mental schon auf eine anstrengende Nacht vor, als sie einen Hilferuf vernahmen. Es war eine weibliche Stimme, die ängstlich klang: „Hallo? Ist da jemand?“
Hogai lief sofort auf die Stimme zu. „Warte, es könnte eine Falle sein!“ rief Ukyo hinterher, doch Hogai ließ sich nicht aufhalten. Hinter einem großen Dornenbusch fand er die Frau, deren Hilferuf er gefolgt war. Sie musste sich in den Dornen des Busches verfangen haben, denn ihre Beine waren blutig zerkratzt.

Sie sah besorgt und verwirrt aus, ihr Gesicht aber hellte sich bei Hogais Anblick auf. „Den Kamis sei Dank, ein Samurai ist gekommen, mich zu retten. Mein Name ist Namiko, ich weiß nicht, wie ich hergekommen bin oder wo hier eigentlich genau ist.“ Sie wirkte sehr aufgeregt. Die Worte sprudelten förmlich aus ihr heraus.

Ukyo war nun auch zu den beiden gestossen, blieb jedoch abrupt und argwöhnisch stehen. Er schaute sich um, als wenn er nach einer versteckten Gefahr schauen würde und sagte: „lass Dich nicht in die Irre führen, Hogai-san. Niemand begegnet Dir einfach so in den Schattenlanden.“

Namiko schrie entsetzt auf: „Schattenlande? Wir sind doch bestimmt nicht in den Schattenlanden. Ich war gestern noch in meinen kleinen Dorf in den Krabbenlanden und bin wohl entführt worden. Aber doch nicht hinter die Mauer … edler Samurai“, sie wandte sich direkt an Hogai, „könnt Ihr mir aus meiner misslichen Lage helfen?“

Hogai antwortete: „Aber sicher, Ihr seid wahrscheinlich von einem Unhold hierher gebracht worden“. Ukyo trat an Hogai heran: „Hogai, so etwas passiert nicht einfach. Du darfst ihr nicht trauen.“

„Hört nicht auf ihn, edler Samurai!“ rief Namiko, „er versucht sich nur zwischen uns zu stellen.“

Als sie diese Worte sagte, hielt Hogai inne. Plötzlich war ihm, als würde er Namiko zum ersten Mal sehen. Sie sah menschlich aus, aber Ukyo hatte recht, die Schattenlande waren voll von harmlos wirkenden Gefahren. Und wieso freute sie sich nicht über zwei Samurai, die sie retten konnten, wieso schien sie die beiden entzweien zu wollen?

„Wie konntest Du entfliehen, Namiko?“ fragte er deutlich vorsichtiger als vorher. Er schaute sich jetzt auch ein wenig um, musterte die Umgebung und suchte nach verborgenen Gefahren.

„Ich bin aufgewacht und war frei. Ich dachte mir, dass sich jemand wohl einen grausamen Scherz erlaubt hatte, mich einfach in der Wildnis auszusetzen.“ antwortete sie mit großen, weiten Augen, in denen man sich hätte verlieren können.

Ukyo nahm seinen Tetsubo vom Rücken und schaute Namiko durchdringend an. Doch anstatt dass sie ängstlich wurde, was Hogai erwartet hätte, schien sie enttäuscht zu sein. Als sie antwortete, war ihre Stimme schroff. „Ich hätte es besser wissen müssen. Einen Kranich kann man leicht hinters Licht führen, aber nicht eine Krabbe.“

Noch bevor Hogai sein Katana ziehen konnte, sprang sie auf und griff Ukyo an. Erst dachte er, dass aus ihren Händen Klauen wuchsen, aber wenn man genau hinsah, konnte man erkennen, dass die menschliche Haut nur auf einer anderen auflag. Die eigentliche Haut der Kreatur war grün und runzlig, ihre Nägel lang und scharf. Ukyo konnte dem Schlag mit einer schnellen Bewegung nach hinten ausweichen. Doch er hatte nicht damit gerechnet, dass Namiko so aggressiv war, denn sie folgte sofort mit einem Tritt aus der Hocke gegen sein Knie, der ihn zu Fall brachte. Er stürzte mit seinem Kopf auf einen Stein und war stark benommen oder ohnmächtig.

Sie wandte sich Hogai zu: „So, kleiner Kranich, jetzt sind wir ungestört. Willst Du nicht zu mir kommen und mir helfen?“ Sie lachte und so hilflos sie vorher wirkte, ihr Lachen ließ ihm jetzt das Blut in seinen Adern gefrieren. So viel Häme und Spott hatte er nicht einmal bei den niederträchtigsten Skorpionen beobachten können. Sie machte kleine Schritte auf ihn zu und ließ nach und nach ihre Hülle fallen. Die Haut der Frau, die sie zuvor ermordet haben musste, fiel von ihr ab und blieb als trostloser Haufen zurück.

Er umklammerte sein Katana fester und besann sich auf sein Training. Er wollte den Fehler, der Ukyo unterlaufen war, nicht wiederholen und griff an, bevor die Kreatur ihrerseits einen Vorteil herausschlagen konnte. Doch sein Schlag war zu langsam. Sie konnte ihm einfach ausweichen und zerfetzte seinen Ärmel mit einem gezielten Hieb, ohne ihn zu verletzen. „Oh, wie schade, Deine schöne Kleidung.“ sagte sie kichernd. Sie schien sich ihres Sieges gewiss zu sein. Für einen kurzen Augenblick verspürte er Zorn durch sein Inneres jagen. Er brüllte auf und hieb erneut auf sie ein. Der Schlag brachte ihn aus dem Gleichgewicht und sie wich abermals aus und konnte ihn mit einem kleinen Fußtritt zu Fall bringen. Aus dem Kichern wurde jetzt ein schallendes Lachen.

Er war zutiefst über diesen unkontrollierten Ausbruch und seine resultierende Unfähigkeit beschämt. Er musste sich beruhigen, es stand nicht nur sein Leben auf dem Spiel, sondern auch Ukyos. Er ließ Namiko nicht aus den Augen, sammelte aber seine innere Stärke. Er sprach ein Stoßgebet zu seinem Vorfahren Daidoji Kajakomo, um Kraft und innere Ruhe zu finden. Sie nahm keine Veränderung in ihm war, aber um Hogai herum schien die Welt einzufrieren. Sie wurde blasser und nur Namiko war noch in Bewegung. Sie kam auf ihn zu und breitete ihre Arme aus: „Komm, kleiner Kranich, zeig mir, was Du kannst!“

Hogai zögerte nicht und vollführte einen perfekten Schlag mit dem Katana, auf den sein Sensei stolz gewesen wäre. Ein erschrockener Schatten glitt über Namikos Gesicht und diesmal konnte sie nicht ganz ausweichen. Sie schrie vor Schmerz und Zorn auf. Er hatte eine lange und tiefe Wunde in ihre Schulter geschlagen. Seine Konzentration war so hoch, dass er nicht mal Zeit hatte, sie anzulächeln. Sein Training nahm Überhand und seine Bewegungen flossen wie Wasser ineinander. Ihre Haut war dick und nicht jeder seiner Treffer konnte sie schwer verletzen, aber sie war nun über und über mit kleinen Schnittwunden versehen.

Bevor er aber den entscheidenden Schlag ansetzen konnte, kam Ukyo wieder zu sich und gab einen leichten, schmerzerfüllten Seufzer von sich. Hogai blickte sich kurz besorgt um. Diesen Augenblick nutzte Namiko aus; sie wandte sich schnell von ihm ab und verschwand in der Wildnis. Hogai zögerte kurz, ob er ihr hinterhereilen sollte, entschied sich aber dagegen und wandte sich stattdessen Ukyo zu. Dieser war wieder zu sich gekommen und wirkte erbost und beschämt.

„Erzähl das bloß niemandem“, witzelte er, „aber danke, ohne Dich hätte ich diesen Kampf nicht überlebt.“ Er streckte die Hand aus und beide ergriffen den Unterarm des anderen zum Gruß. Mit dieser Geste festigten sie das Band ihrer Freundschaft.

„Wir sollten wachsamer sein und unsere Suche fortsetzen. Garantiert haben wir diese Kreatur nicht zum letzten Mal gesehen, aber unsere Aufgabe ist es, meine Brüder zu finden“. Mit diesen Worten und einem grimmigen Blick machte sich Ukyo auf den Weg. Er verband noch eine kleine Platzwunde an seinem Kopf.

Ihre Suche verlangsamte sich, denn jetzt hielten sie nicht nur nach den Spuren der Samurai Ausschau, sondern auch nach denen von Namiko. Sie wollten sich nicht noch mal überraschen lassen.

Schließlich fanden sie die vier Hida Samurai. Sie waren in eine Grube gestürzt, eine Falle, die entweder die Goblins oder Namiko errichtet hatte. Drei der Samurai waren nur verletzt, der vierte hatte den Sturz nicht überlebt. Die Verderbnis musste von ihm Besitz ergriffen haben, seine Haut war mit Beulen und schwarzen Schuppen übersehen. Er lag enthauptet in einer Ecke der Grube, die anderen drei Samurai waren in der anderen Ecke – soweit entfernt von ihm, wie nur möglich.

Ukyo gab ein seltsames Pfeifen von sich, das Hogai zuvor noch nie gehört hatte. Aus der Grube kam eine entsprechende Antwort. „Eines unserer Erkennungszeichen. Wenn Du von der Verderbnis betroffen bist, ist Dein Mund nicht mehr in der Lage, diesen Ton von sich zu geben. Zumindest haben uns das unsere Shugenja versichert.“

Alle anwesenden Krabben waren sich scheinbar sehr unsicher, denn Ukyo wollte von den Hida Samurai Jade sehen und umgekehrt auch. Nachdem sie sichergestellt hatten, dass niemand von ihnen der Verderbnis anheim gefallen waren, konnte Ukyo den Samurai aus der Grube mit einem mitgebrachten Seil helfen.

Die drei Samurai waren sichtlich erleichtert, aber ihre Ehre hinderte sie daran, sich überschwänglich zu freuen. Und noch waren sie nicht gerettet, sie mussten erst wieder zur Mauer zurück. Und die Nacht stand bevor. Die fünf Krieger suchten noch eine weitere Stunde nach einem halbwegs guten Unterschlupf, bis sie sich zur Ruhe setzen konnten. Hogai übernahm die erste Wache und Ukyo die zweite, damit sich die Hida Samurai ein wenig ausruhen konnten.

Die Nacht verlief bis zur letzten Wache ereignislos. Eine Nacht in den Schattenlande war aber nichts für schwache Nerven. Hogai schreckte ständig hoch, weil er ein verdächtiges Geräusch gehört hatte. Er fühlte sich nach seiner Wache, als wäre er zu Hause bis tief in die Nacht wach geblieben.
Die letzte Wache weckte seine Gefährten mit einem lauten Ruf, denn die Goblins, nach denen sie bisher vergeblich gesucht hatten, waren zufällig in die Nähe ihrer Raststätte gekommen. Die Goblins waren völlig überrumpelt, als sie die Samurai sahen und so konnte ein Warnschrei einen schlimmen Hinterhalt verhindern.

Doch bevor alle wach und zur Stelle waren, konnten die Goblins den Hida Samurail überwinden. Er nahm drei Goblis mit in den Tod, unterlag aber schlussendlich dem schnellen Ansturm so vieler Goblins. Dies beflügelte die restlichen Krieger, schnell zu Sinnen zu kommen. Die Goblinhorde bestand aus 15 Kreaturen, da die Krabben aber jetzt zu viert waren, konnten sie relativ schnellen Prozess mit ihnen machen. Keiner wurde mehr verwundet.
Sie beschlossen nach dem Kampf, die Reise zurück fortzusetzen. Am späten Nachmittag erreichten sie dann die Mauer. Aus einem Versteck beobachtete Namiko die Gruppe und fluchte vor sich hin. Sie waren zu viele, um sie jetzt noch anzugreifen. Sie schwor Rache.

Die Gruppe konnte derweil durch einen der geheimen Gänge in Sicherheit kommen. Auf der andere Seite der Mauer wurden sie freudig begrüßt und Hogai war nicht mehr nur ein Kranich, er war ein Schwertbruder geworden.